Institut

Bewusster leben und lieben

Kommentar zur Fernsehsendung "Liebe im Alter"

Fernsehsendung Liebe im Alter

Inge, Eva und ich haben voller Neugierde die Sendung verfolgt. Der Beitrag über das Institut „Bewusster leben und lieben“ ist in großen Teilen durchaus gelungen. Die Darstellungen von Inge, Monika und Degenhard waren ansprechend und aussagekräftig.

Über alles andere waren wir schon sehr überrascht, vor allen Dingen über die Auswahl der Themen.

Konzept der Sendung

Ich kann mich noch gut an das Telefonat erinnern, in dem ich erläutert hatte, dass ich nicht an einer Sendung im mitwirken wollte, in der zwischen Swinger Club und Erotikshop das Thema Tantra präsentiert wird. Und genau dies ist jetzt passiert. Zwischen voyeuristischem Blick in einen Swinger Club und einer “Sex-Expertin“ eines Erotikshops wird Tantra präsentiert. Das einzig Tröstliche war der einleitende Satz “Und einen ganz anderen Ansatz bietet das Institut "Bewusster leben und lieben".

Darstellung des Kontextes eines Tantra-Seminars

Es war und ist für uns eine Grundvoraussetzung bei der Darstellung des Themas Tantra, dass der Kontext mit Bewusstseins- und Wachstumsarbeit erläutert und gezeigt wird, damit Tantra (zumindest in unserem Institut) nicht zum Treffpunkt von Sex-Kick-hungrigen Frauen und Männern verkommt. Daher war es für mich notwendig in einem Treffen in Buchenberg genau diesen Kontext aufzuzeigen: das Aufzeigen von Freiwilligkeit (alles ist eine Einladung), den sicheren Begegnungsraum und das Lern- und Wachstumsfeld von Ja zu sich sagen und Abgrenzung aufzeigen. Dieser Kontext ist leider komplett dem Schnitt zum Opfer gefallen und so haben die gezeigten Tantra-Begegnungs- und Berührungsszenen wieder einen Anschein von “wildfremde Menschen befriedigen ihre Berührungsbedürfnisse“. Dabei geht es uns um viel Wesentlicheres, nämlich in der Begegnung mit anderen Menschen sich selbst kennenzulernen, die eigenen Bedürfnisse wieder zu spüren, sie auszudrücken und für die eigenen Grenzen zu sorgen. In den Berührungen den eigenen Körper wieder zu spüren, ein tiefes Gefühl von angenommen und geliebt sein zu erfahren. Degenhard hat dies zum Glück auf wunderbare Weise ausgedrückt.

Themenauswahl “Liebe im Alter“

Es ist immer wieder schockierend welche Themen dargestellt werden, wenn es um eine erfüllende Sexualität geht. Da wird über Swinger Clubs, Erotik-Shops, Dessous, Datings-Börsen, Tantra-Massagen und Tantra-Seminare berichtet. Die Sendung “Liebe im Alter“ machte da leider keine Ausnahme. Es ist scheinbar noch niemandem bewusst, dass all die aufgeführten Dinge nicht zu einer erfüllenden Sexualität oder Beziehung verhelfen. Selbst reine Tantra-Seminare sind nicht ausreichend, um die Sexualität dauerhaft im Fluss zu halten. Die Ursachen für eine nicht stattfindende oder unbefriedigende Sexualität liegen nicht innerhalb der Sexualität selber.
Die Gründe liegen in inneren Blockaden, alten Schutzprogrammen, Scham, Verletzlichkeit, den eigenen Körper nicht spüren, schmerzhafte Gefühle nicht zulassen können und viel Unbewusstheit. Und all dies hat ihre Ursache in alten schmerzhaften Erfahrungen meist aus ganz früher Kindheit, die verdrängt werden und sich doch tagtäglich insbesondere in unseren Begegnungen mit anderen Menschen zeigen. Nur ohne Bewusstsein über diese Zusammenhänge und ohne die Fähigkeit und die Werkzeuge diese alten Erfahrungen aufzuarbeiten, werden die Menschen resignieren, sich zurückziehen oder versuchen sich mit Swinger Clubs, Sex-Datings oder speziellen Tantra-Sex-Kick-Seminaren vermeintliche Befriedigung ihrer ungestillten Sehnsüchten zu verschaffen.

Swinger Club

Die Darstellung des Swinger Clubs empfanden wir als sehr oberflächlich und voyeuristisch. Das schambesetzte, anrüchige und verbotene der Sexualität war deutlich spürbar. Dies ist aus unserer Sicht auch kein Weg, mit dem ältere Menschen wieder einen Zugang zu einer erfüllenden Sexualität finden können. Dies ist eher eine Möglichkeit sexuelle Phantasien auszuleben für Menschen, die sowieso wenige Berührungsängste mit Sexualität haben.

Erotik-Shop

Über die Aussagen der Sex-Expertin waren wir sehr überrascht. Wenn sie den Frauen empfiehlt sich mit Reizwäsche für die Männer hübsch zu machen und den “Lakl“ zu verwöhnen, damit die Männer nicht woanders “grasen“ gehen, dann wir dies der wirklichem Problematik nicht gerecht. Viele Frauen haben sich jahrelang übergangen und haben einen schmerzhaften Weg hinter sich, sich abzugrenzen und sich mit ihren Bedürfnissen zu zeigen. Die Beziehungsprobleme zeigen sich natürlich ganz unmittelbar auch in der sexuellen Beziehung. Die Aussagen unterstreichen leider ganz direkt den Auszug aus dem alten Ehegesetz, dass die Frau dem Manne gefallen solle. Wir fanden, dass diese einseitige Darstellung der Problematik sehr beschämend für die Frauen war.

Mann sucht Frau

Wir hätten uns auch gewünscht, mehr Licht in die Situation des Mannes zu bringen, der immer wieder schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht hat und der nicht versteht, warum er “Marmelade kochend“ und mit einem Schrebergarten keine Frau findet. Es wäre für ihn und viele andere hilfreich gewesen, auch da tiefer zu schauen, welche Ursachen es hat, warum er keine Frau findet. Den Männern wie Frauen aufzuzeigen, dass Beziehung beziehungsfähige Menschen braucht und dass es vor allen Dingen eine Beziehung mit sich selbst braucht. Und Beziehungsfähigkeit beginnt mit Wachstum bei sich selbst und mit Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen. Das Thema "Alleinstehender Mann sucht Frau" hätte auch eine ganze Sendung verdient und es würde den zuschauenden Frauen und Männern mehr helfen, Hintergründe und nachhaltige Lösungsansätze zu zeigen.

Single-Party

Auch dieser Teil der Sendung zeigt den Versuch Kontaktmöglichkeiten für ältere Frauen und Männer zu organisieren. Solch ein Treffen in einem öffentlichen Lokal mit Begegnungsspielchen sorgt aus unserer Sicht nicht für einen sicheren Begegnungsraum, wo wirkliches Kennenlernen und Begegnung stattfinden kann. Es bleibt bei oberflächlichen Kontakten und den üblichen Floskeln und Höflichkeiten. Es wäre ein wirklicher Lichtblick gewesen und eine Chance neue Begegnungsstrukturen zu zeigen. Dazu hätte es einen geschützten nicht-öffentlichen Begegnungsraum gebraucht und ein Gruppenleiter-Paar, das die Menschen auf eine sanfte und liebevolle Art öffnet und in die Begegnungen begleitet. Allein dieser Teil der Sendung bräuchte 45 Minuten Zeit für eine etwas ausführlichere Darstellung.

Offene Fragen

Warum muss man so viele Themen in eine Sendung packen und einseitig und oberflächlich abhandeln?
Warum muss es langweilig sein, wenn nur ein Thema dargestellt?
Ist es nicht möglich Themen wirklich auf den Grund zu gehen?
Warum wird so eine Sendung nicht mit wirklichen Experten vorbereitet?
Ist diese Sendereihe als Unterhaltungssendung gedacht oder soll sie dem Bildungsauftrag der “Öffentlich- rechtlichen Sendeanstalten“ dienen?
Ist es möglich das Thema “Liebe im Alter“ oder “Sex im Alter“ auf eine neue Art aufzubereiten und den Menschen eine wirkliche Hilfestellung bei diesem schwierigen Thema zu bieten.

Filmprojekt “Beziehung und Sexualität“

Für uns ist diese Fernseh-Erfahrung Ansporn unsere Filmarbeiten zum Thema “Beziehung und Sexualität“ voranzutreiben und damit eine wirkliche Aufklärung und Unterstützung den Menschen zu geben. Ob dieser Film dann jemals einen Weg in die Fernsehanstalten findet wissen wir nicht, wir hoffen jedoch, dass über das Internet dieser Film doch den Weg in eine breite Öffentlichkeit findet.

Resümee

Es war für uns eine wichtige Erfahrung an dieser Fernsehsendung mitzuwirken. Wir haben gelernt, dass es sehr schwierig oder gar unmöglich ist, Themen tiefgehend im Fernsehen darzustellen und dass wir mehr Kontrolle über den Produktionsprozess und das Ergebnis brauchen.

Herzliche Grüße
Peter und Eva